Skip to content Skip to navigation

Schriftgröße

-A +A

Pflaumenmus aus 170% Pflaumen

Was halten Sie davon, wenn behauptet wird, ein Produkt wäre aus mehr als 100% Ausgangssubstanz hergestellt?

Frage

Was halten Sie davon, wenn behauptet wird, ein Produkt wäre aus mehr als 100 Prozent Ausgangssubstanz hergestellt? Beispielsweise habe ich ein Pflaumenmus (Brotaufstrich) gekauft, der aus 170 Prozent Früchten hergestellt wurde. Hier ist wohl Wasserentzug im Spiel. Ähnliches habe ich bei Salami mal gefunden. Das könnte man auch bei Käse behaupten, der laut Wikipedia aus der 4 bis 16fachen Menge Mich hergestellt wurde. Jedoch gilt in der Alltagsphysik der Masseerhalt, so dass ich da andere Formulierungen suche. Beispielsweise kennen wir Rosinen, aber es gibt keine Rosinenpflanze und mir ist noch keine Formulierung aufgefallen, bei der gesagt wird, die Rosinen wären aus der x-fachen Menge Trauben hergestellt worden.

Antwort

Normalerweise erfolgt die Mengenkennzeichnung als Prozentsatz der Menge der Zutat oder Zutaten zum Zeitpunkt ihrer Verwendung – also gemäß Rezeptur. Die komplizierte Sonderregelung für Lebensmittel „denen infolge einer Hitzebehandlung oder einer sonstigen Behandlung Feuchtigkeit entzogen wurde“, ist auch aus unserer Sicht kaum nachvollziehbar.

In der EU-Lebensmittelinformationsverordnung heißt es wörtlich:

Abweichend […] ist die Menge bei Lebensmitteln, denen infolge einer Hitzebehandlung oder einer sonstigen Behandlung Feuchtigkeit entzogen wurde, als Prozentsatz auszudrücken, der der Menge der verarbeiteten Zutat oder Zutaten, bezogen auf das Enderzeugnis, entspricht, es sei denn, diese Menge oder die in der Kennzeichnung angegebene Gesamtmenge aller Zutaten übersteigt 100 %; in diesem Fall erfolgt die Angabe nach Maßgabe des Gewichts der für die Zubereitung von 100 g des Enderzeugnisses verwendeten Zutat bzw. Zutaten;

Die Salami, die während der Lagerung Wasser verliert, oder das Pflaumenmus, das beim Einkochen Wasser verliert, fallen genau unter diese Regelung.

Man nimmt in diesen Fällen die Menge an Pflaumen oder Fleisch laut Rezeptur, bezieht diese aber nicht auf die Gesamtmenge der Zutaten bei der Verwendung, sondern auf das erhitzte oder getrocknete Endprodukt.

Dadurch kann es passieren, dass Prozentzahlen über 100 herauskommen würden, wie bei dem Pflaumenmus. Dann soll die Kennzeichnung abgeändert werden in „hergestellt aus 170 g Pflaumen pro 100 g Pflaumenmus“. Die Angabe „170 % Pflaumen“ entspricht nicht der Rechtsvorschrift.

Kommt bei der Rechnung ein Wert unter 100 heraus, ergibt sich ebenso ein verzerrtes Bild. Denn eine Angabe „Pflaumen (95%)“ vermittelt beispielsweise den Eindruck, das Produkt würde praktisch keinen Zucker enthalten.

Aus unserer Sicht sollte diese Vorschrift dringend abgeschafft werden.

Eine Mengenangabe von Zutaten ist nur in bestimmten Fällen rechtlich gefordert, vor allem, wenn eine Zutat durch Bild und/oder Text beworben und für die Kaufentscheidung relevant ist. Auf Rosinen und Käse ist sie nicht vorgeschrieben. Deshalb findet man solche Angaben dort nicht.

Weitere Informationen 
Wie informativ fanden Sie diesen Beitrag? 
Durchschnitt: 3.8 (8 Stimmen)
Klicken Sie zur Bewertung auf die Sterne.
Letzte Änderung 
18. Juli 2016